Bye bye

Wieder auf dem Eichberg angekommen, mit dem Alltagsgeschäft konfrontiert und mit der Gewissheit vor Augen einige Tage zu benötigen, um viele Dinge in Angriff zu nehmen und abarbeiten zu können, haben wir uns gefreut, unser Team wiederzusehen. An dieser Stelle vielen Dank an alle Kollegen, die uns in den drei Wochen unserer Hospitation, bei ausgedünnter Besetzung, den Rücken freigehalten haben. Wir haben uns fest vorgenommen, es langsam angehen zu lassen, Eindrücke und Erlebnisse sacken zu lassen und wollen erst einmal ankommen.
Wir freuen uns über Rückmeldungen, das Interesse in persönlichen Gesprächen und werden von vielen Seiten gefragt, in welchem Rahmen wir vorhaben ausführlich von unseren Erlebnissen zu berichten. Wir pflegen seit einigen Jahren in unregelmäßigen Abständen teaminterne Fachvorträge, um uns gegenseitig weiterzubilden und gedenken diesen vorerst kleinen Rahmen für unser Team zu nutzen. Darüber hinaus werden wir uns planmäßig in Arbeitsgruppen zusammenfinden, zu welchen wir im weiteren Verlauf kommen werden.

Bereits im Vorfeld unserer Reise haben wir einen Projektplan aufgestellt, um unsere Vorhaben im Anschluss terminiert abarbeiten zu können. Immer wieder im Mittelpunkt stand und steht das START-Assessment. Die Einführung des besagten Instrumentes hat definitiv eine große Bedeutung, es ist aber vielleicht interessant zu wissen, dass das Kennenlernen dieses Instrumentes nicht der ursprüngliche Anlass für die Planung unserer Unternehmung war. Unsere primäre Intention ging nicht um die Einführung eines Tools (Instrument, Werkzeug), Systems, o.ä.. Wir haben in Absprache mit unserer Direktion den Bedarf erkannt, unsere pflegerische Grundausrichtung zu hinterfragen. Es ging von Beginn an darum, unser alltägliches Handeln, unsere Strukturen und die Zielsetzung unserer pflegetherapeutischen Arbeit klar zu ziehen, bzw. ein Fundament für evidenzbasiertes (auf wissenschaftliche Forschung und Belege beruhendes) Arbeiten zu schaffen. Es geht darum die geballte Masse an Erfahrungen von langjährigen Mitarbeitern und wissenschaftlichem Standard zu einem „state of the art“ zusammenzuführen und ein zeitgemäßes Arbeiten zu ermöglichen. Das Outcome (Ergebnis, Resultat) dessen, soll sich förderlich für unsere Profession und letztlich auch für den Behandlungsprozess am und mit dem Patienten auswirken. Hierzu wollten wir primär den Austausch mit unseren kanadischen Kollegen suchen und neben Pflegesystemen und Einsatzkonzepten für die akademische Pflege, deren Selbstverständnis für ein multiprofessionelles Arbeiten auf „Augenhöhe“ kennenlernen. Der davon unabhängige Plan unserer ärztlichen Direktion, START für die multiprofessionelle Behandlungsplanung einzuführen, war letztlich die Möglichkeit „zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen“. Wir bewerten diese Maßnahme als Teil der Professionalisierung der forensisch-psychiatrischen Pflege und als wichtigen Schritt der interdisziplinären Strukturierung im Behandlungsprozess. START ist der Grund für die Involvierung des Instituts für forensische Psychiatrie Haina e.V. und deren Unterstützung bei der Realisierung, da sie die offiziellen Übersetzer des Manuals aus der kanadischen in die deutsche Sprache sind. Auch hier ist es an der Zeit unseren Dank für die Unterstützung auszudrücken und festzuhalten.

Auch durch im Vorfeld begleitete Projekte und Schwerpunkte im Rahmen des jeweiligen Studiums von uns beiden, unterschied sich auch während der Reise der Fokus von Stefan Krost und Andreas Teuschel. Stefan legt seinen Schwerpunkt aufgrund seines praxisbezogenen Studiengangs auf die inhaltliche Auseinandersetzung mit START und dessen Einführung. Andreas geht es neben der Implementation des Instruments, global betrachtet jedoch um den Stellenwert der Pflege, deren Attraktivität, Professionalität und um die Weiterentwicklung in unserem beruflichen Setting.

Der erste Schritt nach der Reise ist in einem Projektplan festgehalten und beginnt mit der Gründung der „AG Pflege“:
Bevor wir andere Berufsgruppen mit innovativen Projekten überfallen, gilt es wie bereits erwähnt, eine Plattform zu schaffen, von welcher aus Kernkompetenzen der Pflege überdacht und festgelegt, sowie Ziele unserer Arbeit formuliert werden. Die Pflegenden sollen sich in den Zielen, auch orientiert an unserem Leitbild, identifizieren und wiederfinden können. Ob und welche Pflegetheorie unsere Arbeit zukünftig stützen wird und wo wir unsere Berufsgruppe in beispielsweise drei bis fünf Jahren sehen, soll in diesem Kreis erarbeitet werden. Die Leitung dieser Arbeitsgruppe liegt bei uns als den Projektbeauftragten. Hinzu kommen Kollegen der Fachpflege, aktuelle und künftige Studenten des Psychiatric Nursing BA und weitere interessierte und engagierte Mitarbeiter, die als Multiplikatoren die erarbeiteten Inhalte in die Stationsteams weitertragen. Jeder Schritt erfolgt in Abstimmung mit der Pflegedirektion und im Austausch mit den Kollegen unserer Schwesterklinik in Riedstadt.

Der nächste Schritt wird durch Vorstellungsveranstaltungen unserer ärztlichen Direktion eingeleitet. Erst anschließend werden wir uns, voraussichtlich zum Ende dieses Jahres, auf multiprofessioneller Ebene zusammenfinden und die Implementation von START planen und durchführen. Wir freuen uns sehr darauf, die Behandlungsprozesse gemeinsam mit unseren Kollegen der anderen Berufsgruppen optimieren und gestalten zu können. Da wir künftig in Sachen Assessment und Planungen noch enger zusammenarbeiten möchten, gilt es stets voneinander lernen und profitieren ZU WOLLEN. Eine offene und wertschätzende Grundhaltung in allen Begegnungen und Interaktionen, ermöglicht nicht nur Herausforderungen erfolgreich anzugehen, sondern ist auch immer Zeichen der Anerkennung für geleistete Arbeit; der des Gegenübers, aber auch der eigenen.
Nur multiprofessionell ist professionell.

Um in unserem Arbeitsbereich zielgerichtet und effektiv arbeiten und den Ansprüchen von Patient, Land und Gesellschaft gerecht werden zu können, gilt es unsere Ressourcen weiter zu bündeln, sodass alle Berufsgruppen von interdisziplinären Kompetenzen profitieren können. Es wird zweifelsfrei interessant, über unsere Vorstellungen bezüglich der gemeinsamen Behandlungsplanung und deren Gestaltung, basierend auf dem START, zu diskutieren. Auf diesen Dialog mit den anderen Professionen sind wir mehr als nur gespannt. Darüber hinaus nützen Fachwissen, Erfahrungswerte, individuelle Wahrnehmungen, Systemkenntnis und wissenschaftliche Standards nur dann, wenn der Patient eingebunden und als Teil des Behandlungsteams angesehen wird.

Insbesondere mit Blick auf Planung und Umsetzung von Projekten, ist es interessant und beruhigend festzustellen, dass wir:

a) auf wesentliche Teile unserer bisherigen Arbeit mehr als nur stolz sein können und wir uns bemühen sollten, an diversen Sichtweisen und Tätigkeiten festzuhalten
und
b) dass wir auch von Problemen und Herausforderungen unserer kanadischen Kollegen nur profitieren können.

Wir haben vor Ort einige Male die Erfahrung gemacht und in Gesprächen durchaus kritisch herausgehört, dass die Theorie von Systemen oftmals „nett“ klingt, die Praxis aber eine andere Sprache spricht. Die Herausforderung wird sein, neben klugen und weit entwickelten Konzepten, nützliche, realistische und praxisnahe Verfahrensweisen zu entwickeln. Die Ansicht ob etwas gut oder schlecht ist, hat man oftmals viel zu schnell ergriffen. Vergleiche tun da manchmal ganz gut. Auch wenn wir uns nicht mit „Schlechtem“ messen wollen, so sollte man sich seine Erfolge von Zeit zu Zeit vor Augen führen und zu schätzen wissen.
Wir waren erstaunt festzustellen, dass der augenscheinliche Fortschritt derart exzessiv ausgelebt wird, dass die Pflege im FPH teilweise vor lauter Assessments, Checklisten, usw. keine Zeit mehr für milieuspezifische Arbeit am Menschen aufbringen konnte oder wegen unzähliger am Behandlungsprozess beteiligter Berufsgruppen nicht mehr in sozialtherapeutische Außenaktivitäten eingebunden ist. Man beneidet uns für unsere Möglichkeiten in der Arbeit nach außen, ob es um Einkäufe, Sozialtrainings oder Amtsgänge geht. Jeder Kontakt ist ein Baustein in der Beziehungsgestaltung, welcher letztlich auch sicherheitsrelevant ist. Beziehungsgestaltung ist, bei dem im FPH häufig rotierenden pflegerischen Personal nur schwer zu realisieren. Im Gegensatz dazu sind unsere gefestigten Teams, in welchen die Prozesse jedermann bekannt sind und ein hohes Maß an notwendiger und vorausgesetzter fallspezifischer Kenntnis vorhanden ist, unbedingt als wertvoll und erhaltenswert zu erachten. Da eine detaillierte Fallkenntnis eine der Grundlagen zur erfolgreichen Anwendung von START darstellt, haben wir hier einen guten Ausgangspunkt, um die Arbeit in unseren multiprofessionellen Teams durch ein evidenzbasiertes und auf unseren Behandlungsauftrag zugeschnittenes Instrument zu strukturieren. Als besonders wichtig und positiv sehen wir die zukünftige enge Zusammenarbeit im multiprofessionellen Team, von dem alle Beteiligten, sowohl Behandler-Team, als auch der Patient, profitieren werden.
Wir freuen uns darauf diese Herausforderung mit allen gemeinsam in Angriff zu nehmen.

Mit diesem Eintrag schließen wir unsere Berichte letztendlich ab. Erneut, vielen Dank für die diversen Rückmeldungen und das rege Interesse. Der Blog wird weiter zugänglich sein, uns als Gedankenstütze dienen und kann gern mit interessierten Kolleginnen und Kollegen geteilt werden.

Für Rückfragen sind wir nahezu jederzeit per email erreichbar:

stefan.krost@vitos-rheingau.de

andreas.teuschel@vitos-rheingau.de

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Bislang unerwähntes

Überwältigende Freundlichkeit

Rückblick:
22.06.2014. Abflug in Frankfurt um 17:30 Uhr, Ankunft in Vancouver schon gegen 21:00 Uhr. Auch wenn das eine oder andere Körperteil protestierte, die gut 12 Stunden zwischen Start und Landung in leicht beengten Verhältnissen sind beim Anflug vergessen. Die riesige Metropolregion ist eingebettet in eine Landschaft aus Wald und Wasser, Berge mit schneebedeckten Gipfeln im Hintergrund.

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Bereits in den ersten Stunden nach der Landung waren unsere Begegnungen stets von „überwältigender“ Freundlichkeit geprägt.

Die einzige Ausnahme bildet da wohl die strenge Beamtin bei der Einreise. Nein, unfreundlich war sie sicher nicht. Aber ihre sehr ernste und gezielte Befragung war ganz deutlich darauf ausgerichtet sicherzustellen, dass wir wirklich nur Touristen sind (bereits ein Praktikum ist visumspflichtig, mit einer Hospitation bewegten wir uns in einer Grauzone) und das Land auch ganz sicher wieder verlassen werden. Willkommen fühlte man sich zu dem Zeitpunkt nicht wirklich, aber das war auch das einzige und letzte Mal, dass dieses Gefühl in den kommenden drei Wochen aufkommen sollte.

Bei der Übernahme des Mietwagens wurden wir dann erstmals direkt, mit der sehr freundlichen, offen und lockeren Art der Menschen konfrontiert. Beim Erledigen der Formalitäten unterhielt uns der Mitarbeiter mit einer heiteren Mischung aus nützlichen Informationen und Klischees über Touristen im Allgemeinen und speziell den Deutschen. Der Hinweis etwa, dass ein Ausflug nach Alaska kein Tagestripp ist, schien ihm aufgrund seiner Erfahrungen durchaus angebracht. Auch das reservierte Fahrzeug blieb bereits hier nicht unkommentiert. Man stelle auch richtige Autos bereit, auch BMW oder Audi seien kein Problem. Das war nicht das letzte mal, dass wir grinsend bemitleidet wurden mit einem „Rasenmäher“ oder „Fahrrad“ unterwegs zu sein.

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Angekommen im Hotel machten wir noch die Bekanntschaft mit einem Barkeeper, der uns in Kanada willkommen hieß. Er klärte uns auf, dass die Fußball WM entgegen unserer Erwartungen auch in Kanada mit Interesse verfolgt wird, nicht zuletzt, da aktuell keine Eis-Hockey Saison sei. Um unsere Mannschaft bei denn kommenden Spielen angemessen unterstützen zu können, wurden wir mit einem (von Budweiser gesponserten) deutschen Fan-Schal eingedeckt.
Das waren nur die ersten Begegnungen, die auch in Folge stets von einem für den zurückhaltenden Mitteleuropäer ungewohnten und durchaus beeindruckenden Ausmaß an Toleranz, Freundlichkeit, Gelassenheit geprägt waren.

Toleranz ist im multikulturellen Einwanderungsland Kanada eine gelebte und als wertvoll erachtete Grundeinstellung. So gibt es z.B. staatlich geförderten Unterricht in den ursprünglichen Muttersprachen. Anders als etwa im Schmelztiegel USA sieht die kanadische Verfassung vor, dass jede ethnische Gruppe das Recht hat, ihre Identität zu bewahren. Auch wenn es vielleicht keine einheitliche nationale Identität gibt, scheint dies z.B. niemanden davon abzuhalten gemeinsam den Canada Day zu feiern. Auch wenn jeder Einzelne eventuell eine ganz eigenen Idee von seinem Land, von seinem Canada hat.

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Freundlichkeit ist in ihrer Ausprägung ein weiteres Phänomen, das unbedingt erwähnt werden muss. Die Kanadier sind im Umgang miteinander zuvorkommend und höflich, dabei aber nicht so übertrieben freundlich wie die US Amerikaner. Ihre entgegenkommende und hilfsbereite Art zeigt sich überall im Alltag.
Dazu zwei eindrückliche Situationen, die wir erleben durften:
Von einem im Supermarkt versehentlich angerempelten Passanten erhielt man nicht den erwarteten verärgerten Blick. Das Opfer der eigenen Unachtsamkeit entschuldigte sich nicht nur als wäre er selbst der Verursacher, er erkundigte sich auch, ob man sich vielleicht verletzt hat.
Ein Obdachloser, dem die höfliche Bitte um eine Zigarette ausgeschlagen wurde, antwortete mit den Worten: „Thank you anyway. Have a nice day!“.
Und für alle Zweifler: hinter den freundlichen Worten versteckte sich auch kein Zynismus.
Jeder Kontakt, auch unter vollkommen Fremden wird mit „how are you?“ eingeleitet. Auch in Kanada geht es dabei nicht um wirkliches Interesse am aktuellen Befinden, es ist der Einstieg zu unverbindlichem Small Talk. So entsteht oft ein interessantes Gespräch. Das (wohl typisch deutsche) Misstrauen und die Frage, was das unbekannte Gegenüber für einen potentiell niederträchtigen Gedanken verfolgt erwies sich in keiner Situation als begründet.

Gelassenheit: Cool bleiben ist Teil der gelassenen Lebenseinstellung. Fehler machen ist in diesem netten Land durchaus erlaubt. Verkrampftes Leistungsdenken kennt hier niemand. Besser arbeiten kann man sowieso nur, wenn man entspannt ist.

All diese Eigenschaften zeigen sich natürlich auch in der Kommunikation. „Unfortunately“, „maybe“, „thank you“: Das sind die Lieblingswörter der Kanadier. Laut und heftig drauflos poltern, wie die Amerikaner, ist den Kanadiern ein Graus. Lieber drücken sie alles im Konjunktiv aus, um bloß niemandem auf die Zehen zu treten. Sie sagen es lieber durch die Blume. Ihre Kommunikation ist indirekt – und damit teutonischen Maßstäben zufolge bisweilen recht umständlich. Diese zurückhaltende Höflichkeit hat aber wohl ihren Sinn, speziell in einer multiethnischen Gesellschaft wie der kanadischen: Wer die Dinge beim Positiven belässt, beugt späteren Konflikten und Auseinandersetzungen vor und sichert somit ein harmonisches Zusammenleben. Hier zeigt sich wieder die kanadische Toleranz – das Bemühen, mit jedem auszukommen, indem man den anderen so sein lässt, wie er will: leben und leben lassen.

Eindrücke und Begegnungen:

Orcas
Bei der Überfahrt nach Vancouver Island zu einer der Clinics in Victoria hatten wir das große Glück mehrere Gruppen Orcas bei der Jagd zu sehen. Zwischen den Gulf Islands tönte ein Hinweis zu der „Live whale show“ über die Bordlautsprecher.

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Victoria ist die Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia. Sie liegt am Südzipfel von Vancouver Island. Ihre Stellung als Hauptstadt verdankt sie wohl dem Umstand, dass man dem Interesse der USA entgegenwirken wollte, die Insel zu US Staatsgebiet zu erklären.

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Hier zwei mehr oder weniger typische Beispiele für die Fortbewegung in den Küstengewässern von British Columbia:
Wasserflugzeuge verbinden Downtown Vancouver mit Victoria. Ein 35-minütiger Flug, statt einer etwa vierstündigen Reise, davon zwei Stunden auf der Fähre. Zu den weiteren angebotenen Verbindungen gehört auch die Strecke Victoria – Seattle.
Die Wasserpiste befindet sich im Hafen von Victoria.

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Ebenfalls im Hafen von Victoria: Wassertaxis

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Downtown Eastside:
Eine Fahrt mit unserer lieben Kollegin Nicola führte uns unter anderem auch nach Downtown Eastside. Neben den unzähligen wertvollen beruflichen Eindrücken und Erfahrungen, verdanken wir ihr auch viele unserer Erlebnisse außerhalb des Hospitals. Als unser Tourguide zeigte sie uns nicht nur schöne Ecken dieser erstaunlichen Stadt, sondern auch den sozialen Brennpunkt, die Skid Row. Hier lebt auf einer großen Fläche über mehrere Blocks eine enorme Gruppe von Obdachlosen (ca. 2200 Menschen leben auf der Straße, 100000 sind von Obdachlosigkeit bedroht). Einen Teil dieser Bevölkerung bilden seit der Schließung von Riverview in 2012 (bereits im Blog erwähnt) psychisch kranke Menschen. Die durch die Schließung geplante Integration in die Gemeinden muss als gescheitert angesehen werden. In einer Umgebung, die von Armut, Drogen, Prostitution, Gewalt und Verbrechen geprägt ist leben nun viele der einstigen Bewohner von Riverview.

Begegnungen mit unseren Nachbarn: Nachfahren von Guy Fawkes und ein ehemaliger Insasse einer Justizvollzugsanstalt

Zu unseren Erlebnissen außerhalb des Hospitals gehören auch zufällige Bekanntschaften mit unseren Nachbarn im Hotel. Aus unverbindlichem freundlichem Small Talk entwickelten sich oft sehr interessante Gespräche.
Ein junger Mann interessierte sich für den Grund unseres Aufenthalts an einem weit ab vom typischen Tourismus gelegenen Hotels. Die Auskunft, dass wir das nahegelegene FPH besuchen und zu Hause in einer ähnlichen Einrichtung arbeiten, schien ihn sehr zu beeindrucken. Er erzählte daraufhin sehr offen von seiner Zeit in einer Justizvollzugseinrichtung. Dort gelte „Colony Farm“, wie das FPH in der Bevölkerung genannt wird, als Ort, an dem man auf keinen Fall enden möchte. Er habe während seiner Haft in der psychiatrischen Abteilung des Gefängnisses geputzt. Von seinen Erfahrungen und Beobachtungen dort, schien er beeindruckt bis traumatisiert. Aus seiner Sicht, werden dort alle mit „Seroquel“ ruhiggestellt, alle würden nur schlafen und sabbern. Die Häufigkeit in der er den Namen dieses Medikamentes erwähnte, war mehr als auffällig. Trotz seiner kritischen Haltung zu Psychiatrie und Psychopharmaka waren auch die Gespräche mit dem leicht hyperaktiven Menschen von gegenseitiger Wertschätzung geprägt.

Mit unserer Freundin Nicola und einem jungen Paar, das mit ihren drei Kindern über das Wochenende in der Gegend war, um an einem Softball-Tournier teilzunehmen, verbrachten wir einen interessanten Abend. Die Auskunft über den Grund unserer Reise regte auch hier zu einem reghaften Austausch über diverse gesellschaftspolitische und sozialpolitische Themen. So scheint die Schließung von Riverview nicht nur in einem Wikipedia Eintrag über Vancouver als erwähnenswert erachtet zu werden, sie ist auch Thema in der Bevölkerung. Die Auswirkungen werden gesehen und deutlich kritisiert. Auch Erfahrungen aus dem persönlichen Umfeld mit psychischen Erkrankungen werden sehr offen angesprochen.
Er, der Softballspieler mit dem Äußeren eines Rugbyspielers, berichtet in diesem Zusammenhang von seinen persönlichen Erfahrungen mit Stigmatisierung und Mobbing und wie er gelernt hat sich zu wehren und nun auch für seine Mitmenschen hier einsteht. Stolz erzählt der Angestellte einer Abrissfirma, dass er direkter Nachfahre von Guy Fawkes ist. Gemeinsam mit Nicola, die ihre Kindheit in Großbritannien verbrachte und britische Vorfahren hat, werden wir detailliert über das Leben und Wirken von Guy Fawkes und den in diesem Zusammenhang stehenden bis heute andauernden Traditionen aufgeklärt.

Sicher gäbe es noch viele weitere interessante und erwähnenswerte Erlebnisse. Allen Begegnungen gemeinsam, war jedoch immer eine wertschätzende und tolerante Grundhaltung sowie die „überwältigende“ Freundlichkeit. Diese wiederum ist nicht zuletzt selbst Ausdruck von Wertschätzung; gegenüber den Mitmenschen und am Ende gegenüber sich selbst.

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Wie die Zeit vergeht …

Zum Ende der dritten Woche führten wir nach und nach diverse Reflektionsgespräche von der Direktionsebene bis hin zum Health Care Worker, bekamen Feedback, konnten aber auch gern gesehenes Feedback geben. Wir genossen die letzte Zeit mit KollegInnen welche uns ans Herz gewachsen sind, von deren Wissen wir ein ums andere Mal profitieren konnten und mit denen wir auch weiterhin in Kontakt bleiben werden.
Nach einigen letzten Ausflügen in die atemberaubende Natur aber auch zu den dunklen Flecken und sozialen Brennpunkten von Downtown Eastside, fachlichem aber auch ganz privatem Austausch mit eindrucksvollen Persönlichkeiten, verabschiedeten wir uns mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Letztendlich freuen wir uns auf zu Hause aber auch auf unser Team.

Nach einer etwas kurzen aber schönen Nacht mit tollen Menschen, diversen Erledigungen am nächsten Tag, haben wir letztlich unseren fahrenden Fön abgegeben und den Rückflug angetreten. Pünktlich zum Finale der Weltmeisterschaft sind wir hoffentlich daheim und freuen uns auf weitere Herausforderungen, ab nächster Woche jedoch wieder in gewohnter Umgebung.

Im Laufe der nächsten Woche werden wir einen letzten zusammenfassenden Beitrag verfassen. Dieser wird Danksagungen beinhalten, Erlebnisse und Erfahrungen knackig zusammenfassen, Planungen und künftige Projekte erwähnen, kritische Aspekte, Grenzen von Systemen aber auch Erkenntnisse über gutes und erhaltenswertes aufzeigen.

Review Board

An unseren letzten Tagen im FPH hatten wir die Möglichkeit an den bereits erwähnten Review Boards teilzunehmen. Um diese Form der Anhörung nochmal etwas näher zu betrachten und verstehen zu können, lohnt sich das Lesen eines Kommentars unserer Kollegin Nicola Scheu, zu unserem vorangegangenen Eintrag hinsichtlich der rechtlichen Grundlagen und dem Behandlungsauftrag des Hospitals.

Die Review Boards sind stets für die Öffentlichkeit zugänglich. Das Hospital stellt hierfür eine eigens ausgestattete Räumlichkeit mit Sitzreihen für mögliche Zuhörer, einen Beratungsraum für die Kammer, uvm. bereit.
Der Case Manager stellt allen aktiv Beteiligten Unterlagen zur Verfügung und steht für mögliche systemspezifische Fragen aber auch für andere Fragen hinsichtlich der Unterbringung bereit. Im folgenden Beispiel war jedoch der behandelnde Psychiatrist der gefragteste Mann, wurde vom Anwalt der Klinik, des Patienten aber auch von der Vertretung der Community hinsichtlich seiner Gutachten befragt. Die Zusammensetzung des Review Boards unterscheidet sich scheinbar gelegentlich ein wenig, besteht generell aber aus den drei Vorsitzenden der Kammer (zwei Juristen und einem Facharzt), dem Patienten und seiner Verteidigung, der Klinik, vertreten durch den Case Manager, dem jeweiligen Therapeuten und von Fall zu Fall auch dem Anwalt der Einrichtung, sowie durch den ‚Crown‘ als Vertreter der Community.
Das Review Board wird durch die Provinz beauftragt und hat Entscheidungsgewalt über die Modalitäten der Unterbringung, ohne das ein Gericht aktiv involviert ist.

Interessant und gleichermaßen tragisch war der Fall eines ca. 50 jährigen Mannes welcher im Jahr 2008 stark alkoholisiert die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hatte, in ein Restaurant raste, zwei Menschen ums Leben kamen und sieben weitere verletzt wurden. Mit der Aussage im Hinterkopf, Fälle mit reinem Substanzmittelgebrauch hätten keinen Zugang zum forensischen System, dauerte es etwas bis wir, auch aufgrund der schlechten Akustik, nachvollziehen konnten wie der Täter den Status des NCRMD bekommen konnte. Der besagte Patient trank im Rahmen seiner langjährigen Alkoholabhängigkeit derart viel, dass es letztlich im Delirium tremens mündete, er in keinster Weise Herr seiner Sinne gewesen zu sein scheint, ebenso zum Zeitpunkt des erwähnten Delikts und somit die notwendige psychiatrische Diagnose für eine Behandlung im FPH inne hatte. Ohne großartig ins Detail gehen zu können oder zu versuchen den Behandlungsverlauf wiederzugeben … Die Entscheidung der Kammer lautete letztendlich ‚conditional discharge‘ und bedeutet die Entlassung in die Coast Cottages unter Verantwortung der Surrey Clinic, mit vom Review Board klar vorgegebenen Auflagen. Vorangegangen ist ein 28 tägiger ‚visit leave‘, eine Art Erprobung, die man in Hessen als verkürzten Entlassungsurlaub bezeichnen könnte. Die Vorsitzenden des Boards machten klar, dass die Therapie und Unterbringung des Patienten noch keineswegs abgeschlossen sei, im neuen Setting der Behandlungsprozess und die Ansprüche an den Patienten ggf. besser auf ihn zugeschnitten werden können. Für uns ungewöhnlich war die umgehende Entscheidung, anstatt Tage oder Wochen auf einen entsprechenden Beschluss zu warten.

Another Clinic

Während Stefan heute aufgrund von anhaltenden Rückenschmerzen außer Gefecht gesetzt wurde, sich versuchte zu schonen und Schreibarbeit im Hotel verrichtete, bin ich nach Surrey aufgebrochen und habe die dortige Clinic, die größte der sechs Außenstellen des Hospitals, besucht. Der Manager der Einrichtung nahm sich den ganzen Tag Zeit, stellte mich seinen Kollegen vor und initiierte angeregte Gespräche über Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich poststationärer Arbeit, unterschiedlicher Stellenbeschreibungen, usw.

Die Surrey Clinic hat eine deutlich engere Anbindung zum Hospital als bspw. Victoria, da sie auch räumlich am nächsten von allen Außenstellen zum FPH gelegen ist. So werden die Kollegen der Clinic oftmals als erstes gefragt, ob eine Fallübernahme in Frage kommt und man verschafft sich dementsprechend vor Ort im Hospital ein Bild vom Patienten.

Einige nackte Zahlen zur Clinic in Surrey:

1x Clinic Manager
8x Nurses (Case Manager mit ca. 18 – 23 Klienten)
3x Social Worker (Case Manager mit ca. 18 – 23 Klienten)
1x Outreach Worker (Nurse für individuelle Unterstützungsangebote)
3x Psychiatrist
1x Psychologist (+ zwei offene Stellen)
4x Administration

Die Einrichtung hat aktuell ca. 400 Fälle in Verantwortung, über das gesamte Jahr sind es wohl bis zu 1000. Hier gilt es aber zu erwähnen, dass wieder diverse Bewährungsfälle mit eingerechnet werden. Clem Poquiz (Regional Clinic Manager RN MA) erklärte, dass eine Übernahme von forensischen Fällen selbstverständlich ist, die Übernahme von Klienten auf Anfrage von Bewährungshelfern jedoch nur in Betracht kommen, wenn beispielsweise ein gewisses Risiko durch Substanzmittelgebrauch oder andere psychisch bedingte Risikofaktoren vorhanden ist. Besagtes Procedere mit Assessment durch die Case Manager haben wir bereits in Victoria erlebt.
Abgesehen von Fällen für ein reines Assessment, Klienten von Bewährungshelfern, Teilnehmer von Gruppen für z.B. Sexualstraftäter usw. und somit ausschließlich begrenzt auf die aktuellen Fälle von NCRMD’s, spricht man im Großraum von Vancouver von ca. 100 und in gesamt British Columbia von ca. 150 Fällen, bei welchen anhand der Grundlage eines conditional discharge versucht wird, diese in die Community zu integrieren.

Beim Thema Übergang sind wir dann wieder bei den überragenden Wohneinrichtungen welche dem forensischen System zur Verfügung stehen. Ich konnte mit Clem die schon erwähnten Coast Cottages besuchen. Auf dem alten Gelände von Riverview gelegen, finden sich 3 x 4 alte Einfamilienhäuser über das ganze Areal verteilt welche von einer leitenden Nurse und 24 Std. von Health Care Workern betreut und betrieben werden. In jedem der Häuser leben ca. 4 – 5 Patienten und werden, wenn möglich, zu Selbstständigkeit angeleitet. Ein großer Vorteil ist der Umstand, die einzelnen Häuser je nach Unterstützungsbedarf zu belegen. So beherbergt das ein oder andere Haus beispielsweise auch Patienten mit eher hohem Bedarf an Unterstützung und Struktur. Diese Patienten sind Chroniker, belegen somit, durch die Möglichkeit des gegebenen Settings, keine dringend notwendigen Therapieplätze im Hospital. Wie in den beschriebenen Einrichtungen in Victoria, dem Manchester House oder Johnson Manor, findet auch hier ein enger Austausch mit dem zuständigen Case Manager statt. Dieser kommt ca. einmal die Woche vorbei und verschafft sich ein Bild über seine Patienten.
Heute fand beispielsweise eine Besprechung über die Notwendigkeit einer Rückführung ins Hospital statt, da ein Patient nicht im Stande war, das in ihn gesetzte Vertrauen zu nutzen, seine Medikation welche er in Eigenverantwortung hatte absetzte und dementsprechend vermehrt wahnhafte Inhalte präsentiert und schwer einzuschätzen ist. Aufgrund der geringen Entfernung zum Hospital ein durchaus praktikables Unterfangen, um den Patienten wieder stabilisieren zu können.

Mir schwirrte seit Tagen die Frage durch den Kopf: „Wer bezahlt das nur alles?“
Wie schon in Victoria erlebt und durch Verantwortliche von Non-Profit-Organistationen versucht zu erklären, versuchte man es erneut zu beschreiben. Natürlich geht es auch im reichen Kanada um Geld, sinnvolle Finanzierungen und um Einsparungen auf der anderen Seite. Bei Einrichtungen, wie bei der gerade beschriebenen, verteilt man die Kosten sehr oft auf mehrere Schultern. Was wir in Victoria mit BC Housing und Cool Aid erlebt haben, ist hier in Vancouver bzw. Coquitlam die Coast Foundation als Betreiber, die Community als Besitzer und BC Mental Health & Addiction Services als Träger vom forensischen System. Alle bringen sich zu einem gewissen Anteil ein und man beschreibt das immer wieder mit „it’s all about network, it’s all about partnership“.

Über die Frage grübelnd, ob sich ein engerer Austausch mit unseren ambulanten Diensten nicht auszahlen könnte, habe ich mich letztlich auf den Weg zurück ins Hotel gemacht.

Die Behandlungsplanung im multiprofessionellen Team

Die Behandlungsplanung erfolgt im FPH in multiprofessionellen Teams. Diese bestehen in der Regel aus:
-einem Psychiatrist,
-einem pflegerischen Case Manager,
-einem Social Worker,
-der Bezugspflege (Primary und Secondary Nurse).

Bis auf die Bezugspflege auf den jeweiligen Stationen, bleibt dieses Team während dem gesamten Durchlaufen des Stufenplans und der verschiedenen Stationen, bis zur Entlassung aus dem stationären Bereich, gleich. Dies ist möglich, da die Behandlung im Gegensatz zu unserer Situation in Hessen an einem Ort erfolgt. Die Patienten haben daher den Vorteil konstanter Bezugspersonen und Beziehungsabbrüche können vermieden werden.

Die Fallsteuerung (Case Management) wird hier von akademisierten bzw. sehr erfahrenen Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege durchgeführt, die vor allem aufgrund ihrer fundierten Systemkenntnisse für diese komplexe Netzwerkarbeit vorgesehen sind. Sie übernehmen dagegen natürlich nicht die therapeutischen Angebote und berufsgruppenspezifischen Aufgaben der Psychologinnen und Psychologen, (Fach-) Ärztinnen und (Fach-)Ärzten, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, sondern tragen vielmehr dafür Sorge, dass diese Berufsgruppen jeweils fallspezifisch zusammenfinden. Bei den bereits genannten jährlichen ‚Review Boards‘ sind sie es, die den Fall vorstellen und im Vorfeld die dafür notwendigen Informationen zusammentragen.

Den Behandlungsteams gehören hier im Hospital keine Psychologen an, was von vielen Kollegen mit welchen wir gesprochen haben sehr bedauert wird; unser System mit fest zu den Stationsteams gehörenden psychologischen und (fach-)ärztlichen Kollegen wird bestaunt und als erstrebenswert angesehenen. Wie bereits erwähnt gibt es lediglich zwei für die klinische Arbeit angestellte Psychologists, diese erstellen die psychologischen Gutachten für die 190 Patienten im FPH, daher können sie jeweils auch nur auf Anfrage des Behandlerteams tätig werden.

Die Behandlungsplanung selbst ist immer auf das Ziel einer Wiedereingliederung in die Gesellschaft ausgerichtet. Das zentrale Instrument der Behandlungsplanung hier im Hospital nennt sich START. Es steht für ‚Short-Term Assessment of Risk and Treatability‘, d.h. es ist ein kurzfristiger, auf einen kurzen Zeitraum (von bis zu 3 Monaten) ausgerichteter Leitfaden zur Beurteilung von Risiken und der Behandlungsbereitschaft. Unter Risiken werden, neben dem Risiko der Gewaltanwendung gegen andere, auch die Risiken zu Selbstverletzungen, Suizid, Entweichung, Substanzmissbrauch, Selbstvernachlässigung und Viktimisierung berücksichtigt. Es werden individuelle Stärken und Schwächen mit einbezogen. Die aktuelle Situation einer Patientin/ eines Patienten, im Bezug auf bestimmte Chancen und Risiken, wird für einen relativ kurzen Zeitraum eingeschätzt.

Das Instrument wurde in Kanada von erfahrenen in der forensischen Psychiatrie Tätigen für die multiprofessionelle Teamarbeit in diesem Bereich entwickelt und beruht auf dem aktuellen Stand der Forschung. Es wurde bereits in mehrere Sprachen übersetzt und wird in unterschiedlichen Ländern eingesetzt.
Zwei der Co-Autoren, Dr. Tonia Nicholls, Ph.D. (Associate Professor) und Dr. Johann Brink (Clinical Professor und Klinikdirektor) sind selbst im FPH tätig.
Eine Co-Autorin Mary-Lou Martin, kommt aus der Pflege. Leider konnten wir sie nicht kennenlernen. Zum einen ist sie bereits im Ruhestand, zum anderen arbeitete sie in Ontario, also am anderen Ende von Canada.

START wurde nicht entwickelt, um Assessmentinstrumente wie den HCR 20, VRAG, PCL, u.a. zu ersetzen, es wird als ergänzendes Teaminstrument für die strukturierte Bewältigung des Behandlungsprozesses genutzt. Für ein aussagekräftiges Outcome wird immer wieder betont wie wichtig die historischen Faktoren und die umfassenden patientenbezogenen Kenntnisse sind.

Das START-Assessment wird von den Behandlungsteams gemeinsam durchgeführt. In die darauf aufbauende Behandlungsplanung wird die Patientin/ der Patient nach einer Vorbesprechung direkt einbezogen und ist wenn möglich dann auch Teilnehmer einer integrierten Behandlungsplanungskonferenz.

Hauptbestandteile der Behandlung sind:
-Milieu- und beziehungsgestaltende Angebote
-Psychopharmakotherapie
-Psychotherapie (DBT,VT)
-Beratungsprogramme zum Substanzmissbrauch
-Ergotherapie
-Arbeitstherapeutische Programme
-therapeutische Freizeitgestaltung
-Programme zur Förderung sozialer Kompetenzen
-Sporttherapie

Zum Bedauern der Nurses, die im Stationsdienst tätig sind, ist die Pflege hier nicht (mehr) in sozialtherapeutische Angebote außerhalb der Stationen eingebunden. Ausführungen werden größtenteils nicht vom Pflegepersonal durchgeführt und nur im Ausnahmefall begleitet. Das Team der ‚Occupational Therapy‘ ist auch für die therapeutische Freizeitgestaltung und Gruppenangebote, wie z.B. die Kochgruppen zuständig.